Edward Randolphs Porträt
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Vom Province House, dem alten Wohnsitz der königlichen Gouverneure in Boston, ist nichts mehr übrig als der vergoldete Indianer, der als Wetterfahne diente und von der Kuppel aus seinen Pfeil in den Wind richtete. Das Haus selbst wurde längst im Zuge des sogenannten Fortschritts abgerissen. In einem seiner Zimmer hing ein so düsteres Bild, dass kaum jemand sagen konnte, was es darstellte, als Vizegouverneur Hutchinson dort einzog. Es gab Hinweise darauf, dass es ein Porträt des Teufels war, gemalt bei einer Hexenversammlung nahe Salem, und dass am Vorabend von Katastrophen in der Provinz ein schreckliches Gesicht von der Leinwand gestarrt hatte. Shirley hatte es in der Nacht des Falls von Ticonderoga gesehen, und die Bediensteten waren erschrocken aus dem Zimmer geflohen, überzeugt, den Blick eines bösartigen Auges erhascht zu haben.
Den Gouverneuren war jedoch bekannt, dass das Porträt, wenn nicht gar das des Erzfeindes, so doch das eines Mannes zeigte, der in den Augen des Volkes nichtsdestotrotz ein Teufel war: Edward Randolph, der Verräter, der die erste Provinzurkunde aufgehoben und die Kolonisten ihrer Freiheiten beraubt hatte. Unter dem Fluch des Volkes wurde er blass, eingefallen und hässlich, sein Gesicht schließlich so abscheulich, dass niemand es mehr ansehen wollte. Dann erst saß er für sein Porträt Modell. Achtzig oder mehr Jahre später saß Hutchinson in der Halle und fragte sich vage, ob die kommenden Ereignisse ihn dem gleichen Schimpfwort aussetzen würden wie seinen Vorgänger, denn auf sein Geheiß war eine Flotte mit drei Regimentern roter Uniformen an Bord in den Hafen eingelaufen, die aus Halifax entsandt worden waren, um die Stadt einzuschüchtern. Das Erscheinen der Stadträte, die gegen die Einquartierung dieser Truppen bei der Bevölkerung und die Ersetzung des Zivilrechts durch das Kriegsrecht protestierten, unterbrach seine Träumerei, und eine hitzige Debatte entbrannte. Schließlich griff der Gouverneur ungeduldig zur Feder und rief: „Der König ist mein Herr und England ist meine Heimat. Von ihnen gestützt, trotze ich dem Pöbel.“
Er wollte gerade den Befehl zum Truppeneinsatz unterzeichnen, als ein Vorhang, der vor dem Bild gehangen hatte, beiseitegezogen wurde. Hutchinson starrte das Gemälde fassungslos an und murmelte dann: „Das ist Randolphs Geist! Er sieht aus wie die Hölle.“ Das Bild zeigte einen Mann in antiker Kleidung mit einem verzweifelten, gejagten und doch finsteren Gesichtsausdruck, der Hutchinson anzustarren schien.
„Das ist eine Warnung“, sagte ein Vertreter des Unternehmens.
Hutchinson fasste sich mühsam und wandte sich ab. „Das ist ein Trick!“, rief er. Er beugte sich über das Papier und schrieb seinen Namen darauf, wie in verzweifelter Eile. Dann zitterte er, wurde kreidebleich und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Die Gemeindevorsteher gingen schweigend, aber wütend, und diejenigen, die Hutchinson am nächsten Tag auf der Straße sahen, bezeugten, dass das Porträt aus der Leinwand getreten und die ganze Nacht an seiner Seite gestanden hatte. Später, als er im Sterbebett lag, schrie er, das Blut des Bostoner Massakers fülle seine Kehle, und als seine Seele ihn verließ, nahm sein Gesicht in Qual und Wut das Gesicht von Edward Randolph an.