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Sie weint leise, ein kleines Mädchen, Tränen in die Vorhänge.
Klopf. Er kommt.
Klopf. Er kommt.
Er wird sie finden. Er findet sie jedes Mal.
Klopf. Es sind die schwarzen Lederschuhe, die er so gerne an ihr glänzen sieht.
Klopf. Mit den eisenharten Zehen.
Sie weiß, dass es ein Davor gab. Vor diesem Mann, vor den Schuhen. Sie erinnert sich nur nicht mehr, wer sie einmal war. Sie weiß, dass sie eine Mutter hat, oder zumindest eine Zeit lang hatte. Sie weiß, dass es noch mehr gibt. Mehr als blutige Böden zu schrubben, mehr als schwarze Schuhe zu putzen, Wachskerzen anzuzünden, blutende Lippen zu stillen, blaue Augen zu verarzten.
Klopfen.
Wie weit konnten ihre kurzen Beine sie denn schon tragen?
Klopfen.
Wohin sollte sie gehen?
Klopfen.
„Hast du es vergessen, Liebling?“
Er neckt sie. Er sagt ihr, sie solle sich nicht verstecken, doch scheint er es jedes Mal zu genießen, sie zu finden. Sie steht auf, schnieft und tritt aus den Falten des mütterlichen Vorhangs hervor, dessen schweres Purpur sie beschützt. Er steht im Türrahmen, auf der anderen Seite des Zimmers. Das kleine Mädchen beobachtet die Dielen, während sie auf ihn zugeht. Er dreht sich um und packt sie zu fest im Nacken. Gemeinsam gehen sie tiefer und tiefer in das Herrenhaus hinein. Nein, sie hat ihn nicht vergessen. Nein, sie hat die Strafe nicht vergessen. Nein, sie hat ihre Pflichten nicht vergessen. Nein, sie hat nicht vergessen, dass sie ohne ihn nichts ist. Nein, sie hat nicht vergessen, dass sie dankbar sein muss. Nein, sie hat seine Schuhe nicht vergessen, ihr schwarzes Leder und wie sich ihr Gewicht anfühlt, wenn sie auf ihre Füße treten. Nein, sie hat die eisernen Zehenkappen nicht vergessen und die Farben, die sie auf ihrer kleinen Mädchenhaut hinterlassen. Sie wird sie putzen und an sein Bett legen. Sie ist dankbar. Ohne ihn ist sie nichts.