Little Hood in the Wood

Zu Favoriten hinzufügen

Melde dich an, um eine Geschichte zu deiner Favoritenliste hinzuzufügen.

Verbergen

Bereits registriert? Anmelden. Oder Erschaffung Kostenlos Fairytalez Konto in weniger als einer Minute.

Es war einmal ein Mädchen. Sie hatte ein sanftes Lächeln, ein gütiges Herz und ein Lachen, das genauso lebhaft und ansteckend war wie ihr Witz. Wahrscheinlich trug sie zu Lebzeiten ein sonnengebleichtes, abgetragenes Kleid, dünnste, dreimal geflickte Strümpfe, eine erdbeerfleckte Schürze und eine Art Reitmantel. Doch die Art, der Schnitt und die Farbe ihrer Kleidung waren nicht die Details, um die sich unsere kleine Heldin kümmerte, und ich werde es auch nicht tun. Was dieses junge Mädchen am meisten beschäftigte, war der Sonnenschein eines frühen Morgens im Garten, das Rauschen des Windes auf ihren geröteten, sommersprossigen Wangen, wenn sie in die höchsten Wipfel der mächtigen Bäume kletterte, der Geschmack von Erdbeeren, die sie heimlich aus der Küche ihrer Mutter stibitzt hatte, und die tiefen, schweren, rhythmischen Schritte ihres Lieblingspferdes.
An einem strahlenden, windigen Frühlingsmorgen – dem ersten dieser Art in jenem Jahr – beschloss die Mutter, dass es Zeit für ihre Tochter war, ihren eigenen Weg zu gehen; frei von ihrem fürsorglichen, stets wachsamen Blick. Die Mutter wusste genau, dass das Mädchen, um sich selbst vollends zu entfalten, sich zunächst selbst entdecken und kennenlernen musste, fernab vom Einfluss und der Überwachung selbst derer, die sie am meisten liebten. Obwohl ihre Familie ihr immer mit Rat und Tat zur Seite stehen würde, war es höchste Zeit, dass das Mädchen sich für die Höhen und Tiefen des Erwachsenwerdens rüstete – und zwar auf ihre eigene Art und Weise.
Und mit dieser Weisheit im Sinn schickte die Mutter ihre Tochter auf eine bedeutsame Reise – so banal und unbedeutend sie dem Mädchen zunächst auch erscheinen mochte – von ihrem Zuhause am Waldrand bis zum Häuschen ihrer Großmutter, tief im Herzen des Waldes. So machte sich das Mädchen auf den Weg, warf sich ihren Mantel über und schwang sich auf ihr Pferd, erfüllt von einem Anflug von Misstrauen und einer nagenden Abenteuerlust, die jede Spur von Besorgnis übertönte. Zu Beginn ihrer Reise, noch in Sichtweite ihres Zuhauses, trabte das Mädchen langsam und nachdenklich den Weg entlang, nicht schneller als in dem gleichmäßigen, monotonen Schritt, zu dem ihre Mutter sie stets gezwungen hatte. Doch sobald das alte Häuschen außer Sichtweite und die Hufe ihres Pferdes außer Hörweite waren, überkam sie die Lust, etwas schneller, etwas wagemutiger zu reiten, als sie es je zuvor gewagt hatte. Zum ersten Mal mobilisierte das Mädchen all ihre Kraft und ihr Geschick als angehende Reiterin und lenkte ihren Hengst vom vorsichtigen Trab in einen zügigen, wenn auch noch etwas unsicheren Galopp. Anfangs konnte sie sich nur krampfhaft an das Tier klammern, so fremd und ängstlich war sie vor seiner ungestümen Kraft. Doch nach und nach erlangte sie ihre Fähigkeiten und die Kontrolle zurück und nutzte jeden Muskel in ihren Beinen und jede Idee in ihrem Kopf, um ihr Tier zu lenken, mit ihm zusammenzuarbeiten und es zu beherrschen; schließlich fand sie ihren sicheren, kraftvollen Galopp.
So sehr das Mädchen auch die Kraft und Energie des Ritts genoss – ganz zu schweigen von der neu gewonnenen Unabhängigkeit, die damit einherging –, die junge Reiterin war schließlich gezwungen, langsamer zu werden, und stieß dabei auf einen kleinen Teich, der allseitig von verlockend roten Beeren gesäumt war.
Die Erdbeeren waren die reifsten, die sie je gesehen hatte, prall und rotbraun und fast platzend vor Süße. Das Mädchen musste einfach absteigen und sich sofort eine zwischen die Lippen stecken. Als sie leicht in das weiche, duftende Fruchtfleisch biss, wurde ihr bewusst, dass dies die erste Erdbeere war, die sie je selbst gepflückt hatte – direkt vom Strauch, nicht aus der Schale – und dass die Frucht dadurch umso süßer, aromatischer und verlockender war. So pflückte und aß das Mädchen ohne Zögern und Reue, pflückte und aß, nach Herzenslust. Schließlich war weder Mutter noch Großmutter nah genug, um sie wegen ihrer Gier zu ermahnen oder für ihre Unbesonnenheit zu tadeln. Doch wenn man sie gewähren ließ, übertrieb sie es nicht, und als sie satt war, streckte sie sich zufrieden und schläfrig auf dem kühlen, weichen Gras aus und lutschte leise die letzten Fruchtreste von ihren Fingerspitzen.
Bei jeder anderen Gelegenheit wäre sie vielleicht gerügt worden, weil sie ihre Röcke beschmutzt und sich so offen und ungeniert auf der nackten Erde ausruhte. Doch in diesem luxuriösen Moment der Einsamkeit lag sie da, die Glieder ausgestreckt, die Haut frei, errötend und sommersprossig in der Sonne. Alles war still, bis auf das tiefe, unaufhörliche Summen der Bienen. Sie sangen, schwebten und wiegten sich über ihr, während sie ihrem geheimen Treiben mit den Blumen nachgingen. Das Mädchen betrachtete sie staunend, und sie – die bis zu diesem Augenblick immer Angst vor den Geschöpfen gehabt oder sich vor ihnen zu Tränen geärgert hatte – erkannte zum ersten Mal ihre unerschütterliche Hingabe an ihre Arbeit, ihre zarte Aufmerksamkeit für die Blumen und das weiche Fell ihrer zierlichen, zitternden Körper.
Je mehr Frieden sie empfand, je zufriedener sie mit der Welt und ihrem Platz darin wurde, desto schwerer wurden ihre Augenlider. Fast wäre sie ins Land der Träume entschwunden, berauscht vom Gesang der Bienen, dem Duft der Erdbeerblüten und einem leichten, unerklärlich wohltuenden Schmerz in ihrem Körper; jenem Schmerz, der oft ungewohnte und fremde, aber nicht weniger angenehme Formen der Bewegung begleitet. Ein Seufzer, zugleich gehaucht und atemlos, entwich ihren leicht geöffneten Lippen, die nun ganz rot und von den Beeren unverkennbar süß dufteten. Das Mädchen, obwohl ganz allein, genoss ihre Muße in vollen Zügen.
Oder es war so gewesen, bis das durchdringende, panische Wiehern ihres Pferdes sie abrupt auf die Beine riss. Das Mädchen sprintete aus dem Beerenstrauch und sah gerade noch, wie ihr geliebter Hengst – die einzige Seele, deren ewige Treue sie je geglaubt hatte – mit Höchstgeschwindigkeit in Richtung Heimat galoppierte. Sie überlegte, ob sie sich eher verraten, verletzt oder verärgert fühlte, und musterte vorsichtig die Lichtung, die ihr geliebtes Tier soeben verlassen hatte. Was mochte dieses kraftvolle Tier nur so erschreckt haben? Da kam aus dem Gebüsch die Antwort.
Ein pelziges, muskulöses, knurrendes Schattenwesen schlich hervor, ebenso furchterregend wie majestätisch. Der Wolf fletschte die Zähne und legte die Ohren an, während ein grollendes, markerschütterndes Knurren aus seiner Brust drang. Onyxaugen und tintenschwarzes Fell glänzten im Licht der untergehenden Sonne. Das Mädchen war, gelinde gesagt, wie gelähmt vor Angst, doch obwohl sie von eisiger Furcht wie angewurzelt stand, ratterten ihre Gedanken mit dreifacher Geschwindigkeit und feilten fieberhaft an ihrem nächsten Zug. Doch inmitten des Gewirrs halbfertiger, panischer Gedanken ragte eine Wahrheit hartnäckig in ihrem Kopf hervor: Wölfe waren keine besonders aggressiven Wesen, solange sie sich nicht bedroht oder provoziert fühlten. Ihre eigene Gestalt – ungelenk, schlaksig und unbeholfen – war wohl kaum der Grund für die Feindseligkeit dieses Wesens.
In diesem Moment huschte etwas Kleines, Pelziges und Dunkles blitzschnell aus dem Erdbeerfeld und blieb sogleich hinter der kauernden, knurrenden Gestalt seiner Mutter stehen. Erst da begriff das Mädchen, dass sie Boshaftigkeit mit Mutterliebe verwechselt hatte, und ihre Gedanken huschten kurz zu dem Zustand, in dem ihre eigene Mutter sein würde, falls sie jemals nach Hause zurückkehren sollte. Bewundernd betrachtete sie die Wölfin mit ihrem Jungen, und selbst im schwindenden Licht der Dämmerung konnte sie noch einzelne Erdbeerstückchen erkennen, die hartnäckig an Fell und Schnauze des Welpen klebten.
Das Mädchen holte tief Luft und beschloss, den Weg zum Haus ihrer Großmutter fortzusetzen. Als sie sich zum Gehen wandte, eilte die Wölfin auf sie zu und fixierte sie mit einem durchdringenden, wissenden Blick. Ohne ein Wort zu wechseln, bot die Wölfin ihr einen Schutz, wie ihn nur eine Mutter geben kann. Das Mädchen verstand, dass die Wölfin ihr von nun an dicht folgen würde; nicht wie ein Raubtier seine Beute verfolgt, sondern wie eine Beschützerin über ihr Kind wacht und dafür sorgt, dass das Mädchen sicher an ihr Ziel gelangte.
Und so geschah es. Mutig wagte sich das Mädchen ins Herz des schnell dunkler werdenden Waldes, während die Wölfin und ihr Junges ihr schweigend und ermutigend folgten, bis die Großmutter ihre Tür öffnete und das Mädchen liebevoll in die Arme schloss. Das Mädchen reifte zu einer Frau heran, stark, kühn und klug, aber dennoch beschützt. Und es war ein unbeschreiblicher Trost, dass sie im Wald ihrer Vorfahrinnen friedlich und geborgen heranwachsen konnte.
So sieht die glückliche Fantasie der Märchen aus.